Dr. med. Michael Lerch über den ganzheitlichen Ansatz des Projektes „LuP-Regio“ zur Sicherung der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum
Was sich in der medizinischen Versorgung auf dem Land verändern muss, damit sie auch in Zukunft funktioniert und welche Rolle dabei das Projekt „LuP-Regio“ spielt, erläutert Dr. med. Michael Lerch. Er ist Chefarzt für Innere Medizin und Geriatrie am LUP-Klinikum am Crivitzer See und Hausarzt im Facharztzentrum der LUP-Kliniken in Crivitz. Er verantwortet im Projekt die ärztliche Begleitung sowie die fachliche Mitgestaltung des Versorgungskonzepts.

Was zeichnet das Projekt „LuP-Regio“ aus?
Dr. Lerch: Das Projekt „LuP-Regio“ zeichnet sich durch seinen ganzheitlichen Ansatz zur Sicherung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum aus. Besonders ist die enge Verzahnung von hausärztlicher Versorgung, Telemedizin und Community Health Nursing (Gemeinde-Gesundheitspflege). Ziel ist es, bestehende Versorgungsstrukturen nicht zu ersetzen, sondern gezielt zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Durch digitale Anwendungen, neue Versorgungsrollen und regionale Netzwerke wird eine kontinuierliche, wohnortnahe und bedarfsgerechte Betreuung ermöglicht.
Was muss sich in der medizinischen Versorgung auf dem Land verändern, damit sie auch in Zukunft funktioniert?
Dr. Lerch: Um die medizinische Versorgung auf dem Land langfristig sicherzustellen, müssen neue Versorgungsmodelle etabliert werden. Dazu gehören eine stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit, der gezielte Einsatz von Telemedizin sowie die Einführung neuer Berufsrollen wie Community Health Nurses (Gemeinde-Gesundheitspflegende). Zudem ist es notwendig, Aufgaben neu zu verteilen und digitale Lösungen stärker in den Versorgungsalltag zu integrieren, um Ressourcen effizient zu nutzen. Insbesondere der zeitnahe Zugang zu hausärztlicher und fachärztlicher Versorgung sollte für alle Bevölkerungsgruppen sichergestellt werden.
An welche Zielgruppe richtet sich das Projekt „LuP-Regio“?
Dr. Lerch: Das Projekt richtet sich insbesondere an Patienten im ländlichen Raum, vor allem, aber nicht nur, an ältere Menschen, chronisch Erkrankte sowie Personen mit eingeschränkter Mobilität. Gleichzeitig adressiert LuP-Regio auch Hausärzte, die durch neue Versorgungsmodelle entlastet werden sollen, sowie weitere Akteure im regionalen Gesundheitswesen.
Muss man, um teilzunehmen, den Hausarzt wechseln?
Dr. Lerch: Nein, ein Wechsel des Hausarztes ist nicht erforderlich. „LuP-Regio“ versteht sich als ergänzendes Versorgungsangebot, das bestehende Arzt-Patient-Beziehungen respektiert und unterstützt.
Was ist das Besondere an Community Health Nurses (CHN)?
Dr. Lerch: Community Health Nurses übernehmen eine erweiterte, koordinierende Rolle in der Gesundheitsversorgung. Sie arbeiten bevölkerungs- und gemeinwesenorientiert, begleiten Patienten langfristig und fungieren als Bindeglied zwischen medizinischer, pflegerischer und sozialer Versorgung, quasi Gemeinde-Gesundheitspflegende 2.0.
Welche Ausbildung haben die Community Health Nurses?
Community Health Nurses verfügen über eine pflegerische Ausbildung und einem pflegerischen Studium, in der Regel auf Bachelor- oder Masterebene, mit zusätzlichen Qualifikationen in Bereichen wie Public Health, Prävention, Case Management und Beratung. Die Ausbildung ist auf eine erweiterte pflegerische Handlungskompetenz ausgerichtet.
Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Ärzten und den Community Health Nurses?
Dr. Lerch: Die Zusammenarbeit basiert auf einem klar definierten Aufgaben- und Verantwortungsbereich. Die CHN übernehmen regelmäßige Assessments, Beratung und Koordination, während die ärztliche Verantwortung weiterhin beim Hausarzt liegt. Der Austausch erfolgt engmaschig, persönlich aber auch über digitale Kommunikationswege.
Können Sie das bitte anhand einer freigewählten Diagnose beschreiben, wie die Telemedizin funktioniert?
Dr. Lerch: Telemedizin ermöglicht die ärztliche und pflegerische Betreuung über digitale Kommunikationswege. Beispielsweise bei einem Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Der Patient übermittelt regelmäßig Vitaldaten wie Blutdruck, Gewicht und Herzfrequenz über eine App an das Versorgungsteam. Auffällige Werte werden frühzeitig erkannt, sodass eine ärztliche Rücksprache oder Anpassung der Therapie erfolgen kann, ohne dass der Patient die Praxis aufsuchen muss. Dadurch können Komplikationen vermieden und Krankenhausaufenthalte reduziert werden. Des Weiteren können über eine telemedizinische Anbindung fachärztliche Kolleginnen und Kollegen konsiliarisch hinzugezogen werden und somit der Zugang zur fachärztlicher Versorgung erleichtert werden.
Was kann die Patienten-App?
Dr. Lerch: Die Patienten-App dient als zentrale Schnittstelle zwischen Patientinnen und Patienten und dem Versorgungsteam. Sie ermöglicht unter anderem: die Übermittlung von Vitaldaten und Dokumentationen, Erinnerungen an Termine, Einsicht in Versorgungspläne, digitale Kommunikation (z. B. Chat oder Videokontakt), Bereitstellung von Gesundheitsinformationen. Ziel ist es, die Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten zu stärken und die Versorgung transparenter zu gestalten.
Welche Kosten entstehen den Teilnehmenden?
Dr. Lerch: Für die teilnehmenden Patienten entstehen keine zusätzlichen Kosten. Die Leistungen des Projekts werden im Rahmen der Projektförderung finanziert.
Wie wurde das Projekt bisher angenommen?
Dr. Lerch: Das Projekt wird insgesamt sehr positiv wahrgenommen. Sowohl Patienten als auch beteiligte Gesundheitsberufe schätzen die niedrigschwelligen Angebote, die verbesserte Erreichbarkeit der Versorgung sowie die Teilhabe an einer Mitgestaltung für mögliche zukünftige Versorgung.
Gibt es bereits positive Rückmeldungen von Teilnehmenden?
Dr. Lerch: Teilnehmende berichten beispielsweise, dass sie sich sicherer und besser begleitet fühlen. Besonders hervorgehobenen werden die regelmäßigen Kontakte zu den Community Health Nurses sowie die Möglichkeit, bei gesundheitlichen Fragen schnell Unterstützung zu erhalten, ohne lange Wege auf sich nehmen zu müssen. Hier ist die enge Verzahnung auch mit den hausärztlichen Praxen ein großer Gewinn für die Patienten.
Was passiert mit den erfassten Daten?
Dr. Lerch: Die erhobenen Daten werden datenschutzkonform und pseudonymisiert verarbeitet. Sie dienen sowohl der individuellen Versorgung als auch der wissenschaftlichen Evaluation des Projekts. Ziel ist es, Erkenntnisse über Wirksamkeit, Akzeptanz und Versorgungsqualität zu gewinnen.
Was verbirgt sich hinter dem Begriff Portalpraxis?
Dr. Lerch: Eine Portalpraxis fungiert als zentrale Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten innerhalb der Region. Sie koordiniert die Versorgung, steuert telemedizinische Angebote und dient als Schnittstelle zwischen Hausärzten, Community Health Nurses, Pflegedienste und weiteren Versorgungsakteuren.
Wie lange läuft das Projekt?
Dr. Lerch: Das Projekt ist auf eine mehrjährige Laufzeit angelegt und befindet sich aktuell in der praktischen Umsetzung.
Welche Aufgabe übernehmen Sie in dem Projekt?
Dr. Lerch: Meine Aufgabe im Projekt besteht in der ärztlichen Begleitung und fachlichen Mitgestaltung des Versorgungskonzepts. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit den Community Health Nurses, die medizinische Verantwortung für Patientinnen und Patienten sowie die Mitwirkung an der Weiterentwicklung der telemedizinischen Strukturen.
Was passiert mit den aufgebauten Strukturen nach Ende der Projektlaufzeit?
Dr. Lerch: Ein zentrales Ziel von „LuP-Regio“ ist die nachhaltige Etablierung der entwickelten Strukturen. Erfolgreiche Elemente sollen langfristig in die Regelversorgung überführt werden.
Mit welchen Partnern arbeiten Sie in dem Projekt zusammen?
Dr. Lerch: „LuP-Regio“ arbeitet mit Hausarztpraxen, Pflegeorganisationen, wissenschaftlichen Einrichtungen (Universität Greifswald, Technische Universität Berlin), Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung (LUP-Kliniken, hier insbesondere das LUP-Klinikum am Crivitzer See) sowie auch der Maximalversorgung (Helios-Kliniken Schwerin), die beteiligten Krankenkassen sowie regionalen Akteuren zusammen. Diese multiprofessionelle Kooperation ist entscheidend für den Projekterfolg.
Bildunterschrift: Dr. med. Micheal Lerch (re.) im Gespräch mit einer Teilnehmerin des Projektes „LuP-Regio“ sowie der Community Health Nurse Laura Jenssen. Foto: LUP-Kliniken
Weitere Informationen zum Projekt und zur Teilnahme: www.lup-regio.de
Kontakt: 03863 520 20 oder chn@lup-regio.de
„LuP-Regio“ kurz erklärt
Das Projekt „LuP-Regio – Regionale Gesundheitsversorgung im Landkreis Ludwigslust-Parchim“ unter Konsortialführung der LUP-Klinikum am Crivitzer See gGmbH wird in den kommenden drei Jahren vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert. „LuP-Regio“ hat das Ziel, die Versorgungsqualität und den Zugang zu Gesundheitsleistungen im Einzugsgebiet des Krankenhausstandortes Crivitz zu verbessern.
Konsortialpartner: AOK Nordost, BARMER, DAK-Gesundheit, Helios Kliniken Schwerin GmbH, Infokom GmbH, Oberender AG, Techniker Krankenkasse, Technische Universität Berlin, Universität Greifswald